Aufgrund der Pandemie hat sich die Entwicklung von Kurierdiensten europaweit beschleunigt, da die Verbraucher mehr Zeit zu Hause verbracht haben und die großen Lebensmittelhändler mit ihren bestehenden Online-Kapazitäten die Nachfrage nach Lieferungen an die Haustür nicht länger befriedigen konnten – so musste man in einigen europäischen Städten Wochen im Voraus bestellen. Bereits vor der Pandemie wurden vermehrt Lebensmittel auf Bestellung geliefert, wobei sich dieser Trend in den nächsten Jahren fortsetzen dürfte.

Rasche Expansion europäischer Einzelhändler

Eine Untersuchung von Mintel ergab, dass sich mehr als die Hälfte aller Online-Einkäufer von Lebensmitteln in Italien, mehr als ein Drittel in Frankreich, drei von zehn in Deutschland und zwei von zehn in Großbritannien im Jahr 2020 Lebensmittel per Kurierdienst liefern ließen. Kurierdienste stellten für europäische Einzelhändler, die von der großen Nachfrage nach Online-Lebensmittellieferungen überrascht wurden (vor allem in Italien), eine Möglichkeit dar, ihre Lieferkapazitäten auf schnellem Wege zu erweitern.

Lebensmitteleinzelhändler starten ihre eigenen Express-Lieferdienste

In Großbritannien hat Sainsbury’s in 20 Städten seinen appbasierten Service ChopChop eingeführt, der die Lieferung von bis zu 20 Artikeln innerhalb von 60 Minuten für eine Pauschalgebühr von 4,99 britischen Pfund (umgerechnet 5,89 Euro) und einen Mindestumsatz von 15 Pfund (17,70 Euro) umfasst.

In der ChopChop-App muss kein Zeitfenster für die Lieferung gebucht werden.
Quelle: Sainsbury’s

Auf ähnliche Weise hat der britische Marktführer Tesco im Mai 2021 mit der Erprobung seines Schnelllieferdienstes Whoosh begonnen. Zunächst wurde dieser mithilfe eines Tesco-Express-Ladens getestet: Der Einkauf sollte innerhalb einer Stunde geliefert werden, wobei eine Pauschalgebühr von 5 Pfund (ca. 5,90 €) für die Lieferung anfiel und die Bestellungen über die App oder tesco.com aufgegeben werden konnten.

Partnerschaften mit Drittanbietern für schnellere Lieferungen

In Frankreich hat Casino im März 2021 eine Partnerschaft mit Uber Eats geschlossen, um einen Service für Lebensmittellieferungen in weniger als 30 Minuten einzuführen – zunächst in rund 30 Städten. Im selben Monat ging der französische Einzelhändler Carrefour eine Partnerschaft mit Deliveroo ein, um auch in Paris eine Lieferung innerhalb von 30 Minuten anbieten zu können, die auf zehn weitere französische Städte ausgedehnt und in drei Städten im benachbarten Belgien eingeführt werden soll.

Bedrohung für den stationären Handel?

Sogenannte Zehn-Minuten-Lieferdienste, die von Lagerhäusern oder sogenannten Dark Stores aus operieren wie z. B. Getir, Gorillas, Dija und Flink, sind eine potenzielle Bedrohung für den klassischen stationären Einzelhandel. Schließlich verfolgen sie dasselbe Geschäftsmodell, nämlich den Einkauf von Waren im Großhandel, und betreiben ihre eigenen Lagerstätten (Dark Stores). Allerdings haben sie vollständige Kontrolle über ihr Geschäft, da sie nicht wie Einzelhändler bzw. die mit Einzelhändlern kooperierenden Drittanbieter die Produkte aus dem vorhandenen Ladeninventar beziehen müssen, sondern diese im Vergleich agiler in ihren eigenen Lagern bzw. Dark Stores verwalten können.

Akteure mit diesem Modell unterscheiden sich dadurch, dass sie in der Regel nur über eine App operieren und ihr gesamtes Geschäft technik- und datengesteuert ist. So ermöglicht es die App, enorme Datenmengen zu sammeln, aus denen hervorgeht, in welchen Gegenden welche Produkte wie oft bestellt werden. Basierend auf dieser Datenauswertung lässt sich ihr Inventar auf die Bedürfnisse der einzelnen Gegenden und Viertel abstimmen.

Mittels maschineller Lernverfahren können sie die Nachfrage vorhersagen, Entscheidungen über die Vorratshaltung treffen und bestimmen, wo neue Räumlichkeiten angemietet werden sollen, wenn die Nachfrage für die Infrastruktur zu groß ist.


Über Getir erhalten Verbraucher „unzählige Alltagsprodukte von Schokolade, Chips, Windeln, Getränke, Rasierschaum, Waschmittel, Deodorant, Katzen- und Hundefutter, Batterien bis hin zu Glühbirnen.“
Quelle: Getir

Klare Hierarchie bei Lieferzeiten

Das Unternehmen Getir hat in der Türkei große Beliebtheit erlangt, indem es seinen Kunden eine Lieferung in etwa 10 Minuten versprach – schneller als die Kunden selbst zu Fuß zum Geschäft und wieder zurücklaufen können. Mittlerweile hat der Kurierdienst neben mehrerer ähnlicher Akteure auch in Deutschland Fuß gefasst.

Selbst Betreiber, die mit Drittanbietern zusammenarbeiten, können mit diesem Angebot nicht mithalten. Schließlich müssen die Lieferanten zuerst zum jeweiligen Geschäft fahren, um die gewünschten Artikel, bevor sie diese ausliefern können. Im Regelfall liegen die versprochenen Lieferzeiten daher bei circa 30 Minuten. Im Vergleich versprechen die großen Lebensmittelhändler, erst innerhalb von 60 Minuten zu liefern.


Gorillas behauptet, schneller als Verbraucher selbst zu sein und innerhalb von 10 Minuten zu liefern.
Quelle: Gorillas

Die Haupthindernisse für eine weitere Expansion dürften die Mehrkosten für die Express-Lieferung, die örtliche Verfügbarkeit der Dienste und die Höhe Mindestbestellwerts sein. Einige Anbieter wie Gorillas heben sich von der Masse ab und verlangen in Deutschland keinen Mindestbestellwert, was in der Regel jedoch durch eine Pauschalgebühr für die Lieferung ausgeglichen wird,

Der Faktor Umwelt

In den nächsten Jahren erwarten wir eine zunehmende Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit, z. B. wie Produkte schnellstmöglich auf umweltschonendem Wege geliefert werden können – der Trend geht hin zu Elektrofahrzeugen, E-Bikes und E-Scootern. Zudem wird die Verpackung der Waren an Bedeutung gewinnen: Gorillas verwendet beispielsweise keine Plastiktüten, sondern liefert seine Bestellungen in stabilen Papiertüten und nutzt für die Lieferung ausschließlich E-Bikes und E-Scooter. In den USA ist Gorillas eine Partnerschaft mit einer gemeinnützigen Organisation eingegangen, die alle potenziellen Lebensmittelabfälle im Lager einsammelt und zu Mahlzeiten verarbeitet, die wiederum über kommunale Gruppen verteilt werden.

Unser Fazit

Obwohl sich noch kein klares Geschäftsmodell als eindeutiger Sieger herauskristallisiert hat, ist das appbasierte Dark-Store-Konzept gegenüber Partnerschaften mit Drittanbietern insbesondere in Bezug auf die Liefergeschwindigkeit klar im Vorteil. Für den Aufbau von Dark-Store-/Lagerhausnetzen und die Anwerbung von Kunden sind jedoch ausreichend finanzielle Mittel erforderlich. Die Betreiber suchen daher nach Möglichkeiten, sich schnell zu vergrößern. Dabei werden diejenigen mit den tiefsten Taschen die anfänglichen Verluste am ehesten wegstecken können und folglich die schwächeren Anbieter schlucken. Mintel geht davon aus, dass sich das Wachstum des Sektors am meisten auf den Einkauf in Mischwarenläden, weniger jedoch auf große Besorgungen im Supermarkt auswirken wird. Angesichts des dichten Filialnetzes sind die stationären Lebensmittelhändler in einer idealen Position, um mit eigenen Dienstangeboten zurückzuschlagen.

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