Nestlé hat seine Bemühungen verstärkt, gesundheitsbewusstere Verbraucher an eines der aus ernährungstechnischer Sicht verpöntesten Produkte heranzuführen: das Regal mit den Tiefkühlpizzen. Diesen Sommer hat Nestlé Pläne veröffentlicht, künstliche Aromen zu entfernen und die Natriummenge in 250 Tiefkühlpizzen und tiefgefrorenen herzhaften Snacks zu senken, einschließlich DiGiorno, Tombstone, California Pizza Kitchen und Jack’s Pizza. Passend zum allgemeinen Trend in Richtung natürlicherer Rezepte und eindeutigerer Etiketten in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie, hat Nestlé versichert, die Änderungen bis zum Ende des Jahres 2015 vorzunehmen. Neben den bestehenden Zielen des Unternehmens, weniger Salz zu verwenden, hat Nestlé zudem angekündigt, den Natriumgehalt in den Produkten im Vergleich zum Jahr 2013 um 10 % zu reduzieren.

Jede Veränderung, die Nestlé an seinem riesigen Pizzasortiment vornimmt, übt wahrscheinlich auf die gesamte Kategorie einen nachhaltigen Einfluss aus. Die Rezepturen könnten andere Hersteller in dieser Produktkategorie dazu zwingen, es Nestlé entweder gleichzutun oder zu riskieren, dass Verbraucher sich die Frage stellen, weshalb sie nicht auch den Anteil künstlicher Zusätze reduziert haben.

Neben veränderten Rezepten werden Botschaften auf Verpackungen die Bedeutung des Konsums von Pizza als Teil einer ausgewogenen Ernährung betonen. Dies ist bereits auf den Kartons der Pizzen von Nestlé zu lesen, die im Juni 2015 auf den Markt gebracht wurden. Zum Beispiel das Sortiment „DiGiorno Pizzeria! Thin“ (dünn) weist einen Pizzarand ohne Konservierungsstoffe, keine künstlichen Aromen und die folgende Botschaft auf, die eine gesunde Ernährung und gemäßigte Portionen der Pizza betont: „Make DiGiorno’s pizza just one of a variety of foods you enjoy each week. A perfect combination is one slice, a fresh salad and great company.” (Lassen Sie die DiGiorno-Pizza zu einem Teil einer Vielzahl an Lebensmitteln werden, die Sie wöchentlich konsumieren. Ein Stück Pizza, ein frischer Salat und großartige Gesellschaft bilden die perfekte Kombination.) Die Pizzen „Tombstone Limited Edition Diablo“ und „Bratwurst“ sowie die Pizzen „California Pizza  Kitchen Hand-Tossed Style“ gehören auch zu den neu eingeführte Produkte mit diesen überarbeiteten Rezepten. Doch Nestlé betritt damit nicht unbedingt völlig neues Terrain, da das Unternehmen schon vorher Pizzen auf den Markt gebracht hatte, die keine künstlichen Farbstoffe enthalten. Zum Beispiel das Sortiment „California Pizza Kitchen’s Thin Crust“ enthält keine künstlichen Farbstoffe und wird seit über einem Jahr verkauft.

US-PIZZEN ENTHALTEN MEHR SALZ ALS IN ANDEREN LÄNDERN

Nestlés Salzreduktion bei Pizzen erfolgt zeitgleich mit neuen Erkenntnissen der amerikanischen Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten, den US Centers for Disease Control and Prevention. Nach deren Forschungen essen neun von 10 Amerikanern zu viel Salz und etwa die Hälfte der Verbraucher, die ihren Salzkonsum senken möchten, tun dies, da sie Herzkrankheiten und verwandte gesundheitliche Probleme befürchten. Die amerikanische Vereinigung für Herzgesundheit, American Heart Association (AHA), empfiehlt US-Verbrauchern, nicht mehr als 1.500 mg Salz am Tag zu essen, was heißt, dass schon ein Viertelstück einer standardmäßigen tiefgefrorenen Pizza mehr als die Hälfte der täglich empfohlenen Natriummenge enthält. Daher kann man nachvollziehen, weshalb Pizza in die Schusslinie von Befürwortern einer gesunden Lebensweise geraten ist. Darüber hinaus enthalten Pizzen aus den USA allgemein mehr Salz als Pizzen aus anderen Ländern. Das geht aus Angaben der AHA hervor, die eine weltweite Untersuchung der britischen Gesundheitsvereinigung World Action on Salt and Health anführte.

Nestlés Entscheidung, den Salzgehalt seiner Pizzen um 10 % zu reduzieren, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch während der Schritt dem Unternehmen wahrscheinlich positive Publicity beschert und eine positive Wirkung haben könnte, wenn andere Pizzahersteller es Nestlé gleichtun, war der Ausgangswert vor der Senkung ziemlich hoch. So enthalten beispielsweise die Pizzen des neuen Sortiments DiGiorno Thin 750 mg Salz pro Viertelstück, was die Gesundheitslobbyisten kaum besänftigen wird.

ECHTE VERÄNDERUNG ERFOLGT DURCH INNOVATIONEN IM BEREICH SALZERSATZ

Es ist eine Herausforderung, den Salzgehalt in einem Lebensmittel wie Pizza zu ersetzen, da Salz zum Geschmack der wichtigsten Komponenten beiträgt: zum Pizzarand, Käse und Fleischbelag; zudem verbessert es die Teigkonsistenz. Außerdem ist Pizza ein Lebensmittel für Genießer, das Verbraucher gerne essen, und diese werden ihren Genuss eher ungern für Gesundheitsziele opfern.

Jedoch nehmen Innovationen bei der Reduktion des Salzanteils in Brot- und Backprodukten schnell zu, was Pizzahersteller möglicherweise inspirieren wird. Tate & Lyle hat zum Beispiel Soda-Lo patentiert, einen Salzersatz, der aus sehr kleinen Natriumkristallen besteht, die für ihre geringe Größe einen überproportional salzigen Geschmack bieten. Dadurch wird die Geschmacksqualität für Pizzaliebhaber womöglich nicht beeinträchtigt.

Eine umstrittenere Option wäre Salzersatz aus Braunalgen, mit dem das italienische unternehmen Valagro bereits in Pizzen experimentiert hat. Der Einsatz von Algen führte zu einer beeindruckenden Reduktion des Salzgehalts um 50 % und das Unternehmen wurde auch durch die Tatsache ermutigt, dass die Verbraucher, die das Produkt testeten, bei Pizza keinen Geschmacksunterschied entdecken konnten. Weniger positiv war jedoch, dass die Farbe des Pizzarands dunkler aussah, was die Verbraucher letzten Endes dazu veranlasste, die Pizza ohne Algen vorzuziehen. Bei jeder dieser Optionen ist es unwahrscheinlich, dass sie von Pizza-Puristen begrüßt wird. Doch Gesundheitslobbyisten sind auch im Pizzabereich aktiv und während Salz an der Spitze ihrer Abschussliste steht, bleibt nur zu hoffen, dass der Geschmack nicht geopfert wird.

Alex Beckett ist ein Global Food Science Analyst bei Mintel. Er hat mehrere Verbraucherberichte zu verschiedenen Nahrungsmittel- und Getränkekategorien mit Fokus auf das Vereinigte Königreich verfasst. Vor Mintel war er der Food and Drink Editor der renommierten Nahrungsmittelindustrie Fachzeitschrift „The Grocer“.

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